Hochbegabung


Hochbegabung und Hochleistung

Bei der Beschäftigung mit dem Thema der besonderen Begabungen stellt sich immer wieder die Frage, wie sich die Bereiche Hochbegabung und Hochleistung zueinander verhalten.

"Begabungen sind immer Möglichkeiten zur Leistung, unumgängliche Vorbedingungen, sie bedeuten jedoch nicht Leistung selbst." Dies ist die Aussage des deutschen Entwicklungs­psychologen William Stern, die er bereits 1916 getroffen hat. Bei diesem Zitat wird die Bedeutung klar, die die Notwendigkeit von Förderung besitzt - die Aussage hat auch heute noch Gültigkeit.

Auch in dem Zitat von Heller aus dem Jahr 2000 "Hochbegabung ist ein individuelles Fähigkeitspotential für herausragende Leistungen." wird deutlich, dass es sich beim Fähigkeitspotenzial eben nur um das Potenzial, die Disposition für gute Leistungen handelt und nicht um die Leistung selbst.

Eine Möglichkeit, besondere Begabungen zu erkennenliegt in der Feststellung des Intelli­genzquotienten als Maß für die intellektuelle Leistungsfähigkeit einer Person, die sich auf den durchschnittlichen Entwicklungsstand von Gleichaltrigen bezieht. Den Begriff des IQ hat William Stern geprägt. Er definierte 1935 Intelligenz als "die allgemeine Fähigkeit, sich unter zweckmäßiger Verfügung der Denkmittel auf neue Forderungen einzustellen."

Etwas über zwei Prozent eines jeden Altersjahrgangs gelten als hochbegabt mit einem IQ von 130 und darüber. Ab einem IQ von 145 wird häufig von intellektueller Höchstbegabung ge­sprochen, die dann noch ca. 0,1 % jeder Altersstufe entspricht. Dem Bereich der IQ-Werte über 115 sollte aber ebenso Beachtung geschenkt werden, da es sich bei diesen Menschen um überdurchschnittlich intelligente Menschen handelt, denen ebenso eine Forderung und Förderung zu Gute kommen sollte. Grundsätzlich sollte man der Aussage kritisch gegen­über­stehen, dass eine Förderung Hochbegabter von einem IQ ab 130 abhängig gemacht wird. Diesbezüglich dürfen auch Messfehler und Messungenauigkeiten einer Testung nicht ver­nachlässigt werden.

Es gibt eine Vielzahl von Begabungsmodellen, die sich in zwei Kategorien einteilen lassen: Hochbegabung als Disposition und Hochbegabung als Leistung.

Wird Hochbegabung mit Leistung gleichgesetzt, ist sie beobachtbar. Hier gilt nur eine sicht­bare, weit überdurchschnittliche Leistung. Underachiever (Minderleister) werden über diese Modelle kaum berücksichtigt, da sie trotz hohem IQ nur schwache Leistungen erzielen.

Wird Hochbegabung als Anlage definiert, so kann man sie im intellektuellen Bereich mit Intelligenztests messen. Die Disposition alleine ist aber nicht ausreichend, um Leistung zu erzielen. In diesen Modellen werden durchaus auch Minderleister erfasst.

Langweilt sich ein Kind oder Jugendlicher in der Schule (oder bereits in der Kindertages­einrichtung), so wird es ihm nicht gelingen können, sein Potenzial adäquat zu entfalten. Bei fehlender Herausforderung besteht die Gefahr von Minderleistung.

"Mache alles so einfach wie möglich, aber nicht einfacher."

(Albert Einstein)

Merkmale begabter Kinder, Identifizierung Hochbegabter, Möglichkeiten und Grenzen der Testung in der Diagnostik

In den Medien hört man immer wieder von besonders begabten oder hochbegabten Kindern, die viele Dinge früher, schneller und häufig auch auf ganz andere Art lernen als Gleichaltrige.

Neben anderen Freizeitinteressen unterscheiden sich diese Hochbegabten auch in ihren Spiel- und Lernbedürfnissen. Oft entwickeln sie im Regelbetrieb von Kindergarten oder Schule aufgrund von Unterforderung Verhaltensauffälligkeiten.

Für die Praxis stellt sich nun die Frage, wie man hochbegabte Kinder erkennen kann. Bei den verschiedenen Diagnoseverfahren kann zwischen objektiven und subjektiven Identi­fika­tions­verfahren unterschieden werden. Zu den objektiven Verfahren zählen z.B. Intelligenz­tests, Leistungstests, Eignungstests, Kreativitätstests oder Wettbewerbe, wie die Mathe­matik-Olympiade. Als subjektive Verfahren bezeichnet man unter anderem die No­minierung durch Eltern, andere Kinder oder die Selbstnominierung. Ebenso zählen hierzu Aufnahme­prüfungen, (offene) Wettbewerbe, Arbeitsproben, Lehrermeinung und -beobachtung, Zensuren, Schulnoten, Zeugnisse oder Checklisten, Beobachtungsbögen. Alle Verfahren bergen gewisse Risiken und haben sowohl Vor- als auch Nachteile. 

Bei der Auswahl geeigneter Diagnoseverfahren sollte stets die Intention der möglichen Identifizierung einer Hochbegabung im Vordergrund stehen. 

Warum muss ich wissen, ob das Kind oder der Jugendliche hochbegabt ist oder nicht? Für eine erste Orientierung, ob eine überdurchschnittliche Begabung vorliegen könnte, eignen sich sog. Checklisten, wie sie z.B. im Ratgeber des Bundesministeriums für Bildung und Forschung abgedruckt sind. Für diese Listen gilt jedoch, dass die Kriterien nicht wissen­schaftlich und nicht ausreichend geprüft sind. Sie bieten Merkmale als bewertende oder quantifizierende Aussagen. Und sie können lediglich die Aufmerksamkeit für eine mögliche Hochbegabung schärfen! 

Zudem stellt sich anschließend die Frage, wie viele der genannten Merkmale zutreffen müssen, um bei einem Kind von Hochbegabung sprechen zu können. Eine Quantifizierung ist schwierig und zeigt gleichzeitig das Problem des Umgangs und der Verwendung dieser Listen. Eine Einschätzung aufgrund der Checklisten kann eben nicht mehr als einen Überblick liefern. Letztlich aussagekräftig ist nur ein Intelligenztest. 

Bezüglich der Notwendigkeit einer Testung stellt sich immer die Frage, aus welchem Grund diese durchgeführt werden soll; als Legitimation für eine vorzeitige Einschulung oder als Möglichkeit, besondere Stärken herauszuarbeiten, um aufgrund dessen einen entsprechenden Förderplan zu erstellen.

Anhand der Einteilung der IQ-Werte nach der Normalverteilung muss diskutiert werden, inwie­weit eine Förderung vom Ergebnis eines IQ-Tests abhängig gemacht werden sollte. Da grund­sätzlich Messungenauigkeiten oder Messfehler mit berücksichtigt werden müssen, stellt sich die Frage, ob unsere Gesellschaft es sich leisten kann, nur Kinder ab einem Wert von 130 zu fördern. 

Denn was geschieht mit den Kindern, die nicht als hochbegabt eingestuft werden, jedoch überdurchschnittlich intelligent sind und hoch motiviert, wissbegierig und vielfältig inter­essiert? Im Hinblick auf diese Kinder sollte man sich also nicht einseitig am IQ orientieren, sondern den Menschen als Ganzes betrachten und ihn mit seiner ganzen Persönlichkeit und in seinem Lebensumfeld wahrnehmen.

Ansätze zur Begabtenförderung

Förderung hochbegabter Kinder bedeutet, für die Kinder herausfordernde Lernprozesse zu schaffen. Die Kinder müssen verschiedene Lernmöglichkeiten zur Verfügung haben. Basis einer guten Förderung ist die Schaffung einer anregenden Umwelt, die es den Kindern ermög­licht, ihr Potenzial auszuschöpfen

Eine Realisierung entsprechender Förderansätze kann durch unterschiedliche Formen erfolgen:

Akzeleration (Beschleunigtes Lernen) 
Enrichment (Vertieftes Lernen, Anreicherung des Unterrichts) 
Mischformen (Akzeleration/Enrichment) 

"Es ist kein Luxus, hohe Begabungen zu fördern, es ist Luxus, und zwar sträflicher Luxus, dies nicht zu tun." 

(Alfred Herrhausen) 

Es sollte oberstes Ziel sein, eine Hochbegabung möglichst früh zu erkennen und die Kinder, zu ermutigen, an ihre Fähigkeiten zu glauben und diese auch (aus) zu leben. Gerade in den Bereichen Naturwissenschaften und Mathematik bieten sich z.B. bereits in Kindergärten und Kindertageseinrichtungen hervorragende Möglichkeiten der Forderung und Förderung.

Einen elementaren Bestandteil unserer Arbeit sehen wir bei IFFiS in der Aufklärung der Eltern hochbegabter Kinder und in der Bereitstellung umfassender Information aller betroffenen und interessierten Pädagogen, Erzieher/innen und Lehrkräfte. 

Unabdingbar sind für uns Einzelfallanalysen mit umfassender Diagnostik und die nachfolgende Erstellung individueller Forder- und Förderpläne.

"Es ist also nicht nötig, in den Menschen etwas von außen hineinzutragen. Man muss nur das, was in ihm beschlossen liegt, herausschälen, entfalten und im Einzelnen aufzeigen."

(Comenius, 1651)